Művelődés-, Tudomány- és Orvostörténeti Folyóirat
2017/14           ISSN: 2062-2597
Cím: Albert Schweitzer – 100 Jahre „Ehrfurcht vor dem Leben“ (respect de la vie, reverence for life)

Title: Albert Schweitzer – 100 Jahre „Ehrfurcht vor dem Leben“ (respect de la vie, reverence for life)
[Letöltés]
Szerző(k): Prof. Dr. med. Josef Makovitzky - Abt. für Neuropathologie der Universität Heidelberg/Inst. für Rechtsmedizin der Universität Frei
Rovat: A modern orvostudomány története napjainkig
Kötet: 2016/13
DOI: 10.17107/KH.2016.13.32-39
Kulcsszavak:
Albert Schweitzer, Lambaréné, organ artist, universal genius, theology, philosophy
Keywords:
Albert Schweitzer, Lambaréné, Universalgenie, Theologie, Orgelkünstler, Philosophie
Abstract:

Albert Schweitzer is one of the last universal geniuses of the 20th century and still remains an important role model for other generations. During his life he was a priest, theologian and philosopher, medical doctor and hospital founder, organ builder and musician, Bach interpreter as well as boat builder and peace activist. However, he was never a master of self-promotion. His decision to leave Europe in the year 1913 was followed by a subsequent immense commitment in Africa and has been, together with his actions against nuclear testing, a cornerstone of his legend.

He has demonstrated in the most impressive way the unity and combination of teaching and life.


Wie hat Leben Zukunft – Ehrfurcht und Liebe oder Gleichgültigkeit? Unter diesem Titel hat das Deutsche Albert-Schweitzer-Zentrum vom 24.–26. April 2015 im Martin-Niemöller-Haus in Schmitten/Arnoldshain im Taunus gemeinsam mit der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft und den Evangelischen Akademien Frankfurt und Hofgeismar ein Symposium veranstaltet.

Das Leben von Albert Schweitzer ist wie ein Roman. Als große Persönlichkeit wurde er schon zu Lebzeiten von allen Seiten verehrt; er war und ist ein Vorbild für Generationen. Albert Einstein hielt ihn für den „größten Menschen dieses Jahrhunderts“, Winston Churchill nannte ihn „Genie der Menschlichkeit“.

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar 1875 in Kaysersberg im Elsass geboren. Damals gehörte Elsass-Lothringen zu Deutschland. Seine Muttersprache war die elsässische Mundart; daneben wurde in der Familie Schweitzer auch Französisch gesprochen. Er war ein schwaches Kind (Bueble), als die Familie ins Münstertal übersiedelte. In der Gemeinde sagte man: „Das Bueble isch die erschte Beerdigung, wo der neue Pfarrer halten wird.“

Das Hochdeutsche erlernte er in der Schule: Günsbach (Gunsbach), Colmar, Mülhausen (Muhouse). Deutsch und Französisch beherrschte er gleich gut. Er war solidarisch mit seinen Schulfreunden im Dorf und weigerte sich, andere Mäntel, Mützen und Handschuhe zu tragen als die Dorfjugend. Die Bekanntschaft mit dem Orgelspiel machte er als Achtjähriger in Günsbach. Ein Großvater und drei Großonkel von ihm waren Organisten.

Schweitzer hat 1893 das Abitur in Mülhausen abgelegt. Nach einjährigem Wehrdienst studierte er an der Universität Straßburg Theologie und Philosophie. Die neu organisierte Straßburger Universität hatte damals mehrere dynamische junge Professoren. Gleichzeitig studierte Albert Schweitzer das Orgelspiel in Paris bei Prof. Charles-Marie Widor, bei dem er seit 1893 gelegentlich Unterricht genommen hatte. Der junge Student hatte beschlossen, sich bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr der Wissenschaft (Theologie und Philosophie) und der Kunst zu widmen, danach aber als Arzt der Menschheit zu dienen.

1899 wurde Albert Schweitzer nach einem kurzen Studienaufenthalt an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität mit einer Dissertation über Die Religionsphilosophie Kants von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft in Straßburg zum Dr. phil. promoviert. 1901 wurde er mit einer Dissertation, die den Titel „Kritische Darstellung unterschiedlicher neuerer historischer Abendmahlsauffassungen“ trägt, auch Doktor der Theologie (Erstauflage 1906, die zweite Fassung trägt den TitelGeschichte der Leben-Jesu-Forschung, Tübingen 1913).

1902 erfolgte an der Theologischen Fakultät der Universität Straßburg seine Habilitation mit der Schrift Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Seit 1898 war er Lehrvikar, ab November nach der zweiten theologischen Prüfung ordinierter Vikar an der Kirche Sankt Nikolai in Straßburg und 1903–1906 Direktor des Thomas-Stifts zu Straßburg.

Der Pariser Musikprofessor Widor gab dem damals 19-Jährigen den Anstoß zu einer musikwissenschaftlichen Arbeit, weil Widor beklagte, es gäbe keine Einführung in die Werke Bachs. Schweitzers Buch mit dem Titel „ J. S. Bach – le musicien-poète“ erschien 1905 und umfasste 455 Seiten. 1908 wurde die Bach-Monographie in überarbeiteter und erweiterter Fassung (844 Seiten) auf Deutsch veröffentlicht. Das Werk reicht von einer Biographie über detaillierte Hinweise für die Aufführung Bach‘scher Werke bis zur Einstufung der Bach‘schen Musik als „vollendete Gotik der Tonkunst“.

Schweitzer war damals auch mit der Fertigstellung seiner „Geschichte der Leben-Jesu- Forschung“ beschäftigt. In jahrelanger mühevoller Arbeit trug er die Ergebnisse der damals knapp hundert Jahre alten Leben-Jesu-Forschung zusammen.

Im Herbst 1904 las Albert Schweitzer in den grünen Heften der Pariser Missionsgesellschaft den Aufsatz „Was der Kongo-Mission Not tut“. Er entschied sich prompt, als Arzt in die nördliche Provinz des damals französischen Kongo (seit 1960 Republik Gabun) zu ziehen. Also meldete sich der 30-jährige Dozent zum Medizinstudium an der Medizinischen Fakultät der Universität Straßburg an. Später erzählte er, dass ihn der Dekan am liebsten an seinen Kollegen von der Psychiatrie überwiesen hätte. In der ersten Zeit seines Medizinstudiums hielt Schweitzer noch theologische Vorlesungen, predigte in der St. Nikolai-Kirche und schrieb die letzten Kapitel seiner Leben-Jesu-Forschung und die deutsche Neufassung des Bach-Werkes.

1912 wurde er als Arzt approbiert. Im gleichen Jahr wurde ihm der Titel eines Professors für Theologie auf Grund seiner „anerkennenswerten wissenschaftlichen Leistungen“ verliehen. 1913 folgte die medizinische Doktorarbeit  Die psychiatrische Beurteilung Jesu: Darstellung und Kritik. In dieser Arbeit wendet er sich – analog zu seiner theologischen Dissertation – gegen zeitgenössische Versuche, das Leben Jesu aus psychiatrischer Sicht zu deuten.

Albert Schweitzer heiratete 1912 Helene Bresslau, eine Lehrerin und erste Sozialarbeiterin in Straßburg (1879–1957). 1919 wurde die Tochter Rhena Schweitzer (1919–2009) geboren, die bis 1970 die Stiftung ihres Vaters weiterführte.

Leben in Afrika und Europa

Am Karfreitag des Jahres 1913 reisten Albert Schweitzer und seine Frau mit 2000 Goldmark nach Afrika. 70 Kisten mit medizinischen Geräten waren vorausgeschickt worden. Damit fing für beide ein neuer Lebensabschnitt an. Als Ziel seiner Reise hatte Albert Schweitzer ganz bewusst Lambaréné am Ogowe-Fluss (oder Ogooué) in der Kongo-Provinz Gabun gewählt. Sein erster Untersuchungsraum war ein Hühnerstall. Nach der Anlaufzeit hatte sein Spital täglich 40 Kranke zu betreuen.

Im Juli 1914, nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, verboten die französischen Kolonialbehörden dem deutschen Staatsbürger Albert Schweitzer weiter zu praktizieren. Er wurde mit seiner Frau unter Hausarrest gestellt, 1917 festgenommen, nach Frankreich deportiert und dort bis Juli 1918 interniert. Interessant ist folgende Episode: Martin Niemöller – später evangelischer Pfarrer, Widerstandskämpfer gegen Hitler und Freund von Albert Schweitzer im Anti-Atomkampf Anfang der 50iger-Jahre – war U-Boot Kommandant und lauerte im November 1917 den französischen Schiffen vor dem Hafen des senegalesischen Dakar auf. Das Schiff, in dem sich das Ehepaar Schweitzer befand, wurde nicht getroffen. Die Zeit der Internierung nutzte Albert Schweitzer zur gedanklichen Entwicklung seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben.  Im Zentrum  dieser Ethik steht der Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Gegen Kriegsende kamen Albert Schweitzer und seine Frau ins Elsass zurück; sie wurden nun französische Staatsbürger. Schweitzer nahm wieder die Stelle als Vikar in St. Nikolai in Straßburg an und trat als Assistenzarzt in ein Straßburger Spital ein. Sechs Jahre blieb Albert Schweitzer in Europa, ehe er 1924 wieder nach Lambaréné zog.

1920 fuhr er auf Einladung von Erzbischof Nathan Söderblom zu Vorlesungen nach Uppsala. In Schweden hielt er Vorträge und gab Orgelkonzerte. Dadurch wurde die Abzahlung der Schulden für das Krankenhaus in Lambaréné ermöglicht. Im gleichen Jahr erhielt Schweitzer die Ehrendoktorwürde der Universität Zürich. 1921 erschien sein Buch „Zwischen Wasser und Urwald“ in schwedischer Sprache; es wurde sein erster Bestseller.  Danach widmete er sich der freien schriftstellerischen und künstlerischen Arbeit.

1921/22 gab Schweitzer mehrere Konzerte. Er unternahm Vortragsreisen in die Schweiz, nach Schweden, England und Dänemark und hielt Vorlesungen in Prag. Weil er unbedingt nach Lambaréné zurückkehren wollte, besuchte er Lehrgänge für Geburtshilfe und Zahnheilkunde in Straßburg und für Tropenmedizin in Hamburg. Von 1924–1927 war Schweitzer wieder in Lambaréné. Das Tropenspital konnte nun auf ein neues Gelände ziehen.

1928 wurde Albert Schweitzer mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet; damals hielt er seine erste Goethe-Rede. Von 1929–1932 war er wieder in Lambaréné. Als Schweitzer im Jahr 1932 anlässlich des 100. Todestages Goethes wieder in Frankfurt sprach, warnte er ausdrücklich vor den Gefahren des aufkommenden Nationalsozialismus. Es folgten mehrere Vorträge und Konzerte in Deutschland, Holland und England. 1933 bat ihn der Nobelpreisträger Max Born, nach Europa zurückzukehren. Als Mensch, auf den das Weltgewissen hört, sollte er versuchen, die Welt gegen die Nazi-Barbarei aufzurufen. Nach Ende des Schuljahres 1933 übersiedelte Helene Schweitzer mit Tochter Rhena nach Lausanne.

In den Jahren 1933/34 und 1935/36 hielt sich Schweitzer zum vierten bzw. fünften Mal in Lambaréné auf. Außerdem übernahm er Vorlesungen in Edinburgh und reiste zu Schallplattenaufnahmen nach London und Straßburg. Von 1937–1939 und von 1939–1948 weilte Schweitzer wieder in Lambaréné. 1940 kämpften die Truppen de Gaulles und der Vichy-Regierung um Lambaréné, doch schonten beide Seiten das Spital. 1942 trafen die ersten Hilfssendungen mit Medikamenten aus den USA ein.

1949 reiste Albert Schweitzer in die USA. In Aspen/Colorado hielt er anlässlich des 200. Geburtstages von Goethe eine Festrede mit dem Titel „Goethe, der Mensch und das Werk“. 1949–1951 folgte der achte Lamberéné-Aufenthalt. Schweitzers Frau Helene vertrug das Klima nicht und musste 1950 das Land verlassen.

1951 erhielt Schweitzer den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In der Begründung hieß es: „Er ist ein mutiger und tapferer Vorkämpfer für das friedliche Werk an den Armen und Schwachen“.  In seiner Rede blickte er nach vorn und hielt Ausschau nach einem Weg, der zum Frieden führen kann.

Nach dem neunten Lambaréné-Aufenthalt (1951/52) folgten Schallplattenaufnahmen an der Günsbacher Orgel. Schweitzer erhielt die Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft. Er wurde in die Pariser Académie des Sciences Morales et Politiques angenommen und referierte dort über „Das Problem der Ethik in der Höherentwicklung des menschlichen Denkens“. Der König von Schweden verlieh ihm die Prinz-Karl-Medaille.

Während des zehnten Lambaréné-Aufenthalts organisierte Schweitzer den Bau eines Lepradorfes. 1952 wurde Albert Schweitzer mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Das Preisgeld wurde für den Bau des Lepradorfes eingesetzt. 1954 fand ein Bach-Gedenkkonzert in der Straßburger Thomaskirche statt; es war das letzte öffentliche Auftreten Schweitzers als Organist. Im November sprach er bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises in Oslo über „Das Problem des Friedens in der heutigen Welt“. Am gleichen Abend huldigte ihm die Jugend mit einem Fackelzug in Oslo.

In den Jahren 1954–55 arbeitete Schweitzer wieder in Lambaréné. 1955 wurde dort das Lepradorf fertiggestellt. Es folgten Reisen nach England, Frankreich, Deutschland und in die Schweiz. In Bonn nahm Schweitzer die Insignien des Ordens Pour le mérite (Friedensklasse) entgegen. In den Jahren 1956 und 1957 hielt sich Schweitzer zum 12. Mal, diesmal wieder mit seiner Ehefrau Helene, in Lambaréné auf. Am 23. April 1957 warnte er über Radio Oslo vor den zunehmenden Kernwaffenversuchen. Seine Frau kehrte nach Zürich zurück und verstarb dort am 1. Juni 1957. Von 1957–1959 hielt sich Schweitzer zum dreizehnten Mal in Lambaréné auf.

Am 28., 29. und 30. April 1958 wurden über Radio Oslo drei Vorträge Schweitzers mit einem Aufruf gegen die Gefahren der Atomversuche verbreitet: „Friede oder Atomkrieg“. 1959 erhielt Schweitzer in Kopenhagen den Sonningpreis. Er reiste ein letztes Mal quer durch Deutschland, besuchte 3 Wochen lang Paris und fuhr im November nach Brüssel und Rotterdam. Während seines letzten Lambaréné-Aufenthalts (1959–1965) starb Albert Schweitzer am 4. September. Er wurde am 5. September 1965 in Lambaréné beigesetzt.

Nach der Auffassung von Schweitzer begann um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Abdankung der Kultur. „Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie.“ Albert Schweitzer wollte der „krankenden“ Philosophie auf die Beine helfen, also musste eine neue Ethik her! Schweitzer suchte einen Neubeginn. Die wahre Philosophie muss nach seiner Überzeugung von der unmittelbarsten und umfassenden Tatsache des Bewusstseins ausgehen. Diese lautet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Während einer mehrtägigen Bootsfahrt auf dem Ogowe-Fluss – zwischen Sandbänken und einer Nilpferdherde – erschloss sich für Albert Schweitzer die Formel, die seither seine Maxime war: „Ehrfurcht vor dem Leben.“ Nach dieser Ethik ist gut: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen. Böse ist: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten. Dies gilt für das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen.

Albert Schweitzer war ein weltbekannter Organist, Musikwissenschaftler, Theoretiker des Orgelbaus und ein stilbildender Interpret der Musik von Johann Sebastian Bach. Er war ein religiöser Mensch und sein Orgelspiel ist von der Religion nicht zu trennen. „Durch die Wahl der Stücke und die Art der Wiedergabe suche ich den Konzertsaal zur Kirche zu machen. Durch ihren regelmäßigen und dauernd aushaltbaren Ton hat die Orgel etwas von der Art des Ewigen an sich. Auch in dem profanen Raum kann sie nicht zum profanen Instrument werden.“ Und sie ist in der Kirche am richtigen Platz. „Die Orgel verlangt ein Gewölbe aus Stein, in dem die Menschenansammlung nicht Füllung des Raumes bedeutet.“ In einem Konzertsaal spielte er nur ausgewählte Stücke, deren Wiedergabe dem Saal die Atmosphäre einer Kirche gab.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts propagierte Schweitzer – abweichend von den damals in Deutschland gebauten Instrumenten – einen neuen Orgeltyp. Er sollte den ausgewogenen Plenumklang der französischen spätromantischen Orgel  Cavaillé-Colls, die verschmelzungsfähigen Zungenstimmen der deutschen und englischen Romantik und den Oberreichtum der alten klassischen Orgeln des Elsass (Silbermann-Orgeln) miteinander verbinden. Eine neue Spieltischgestaltung sollte die Logik und die Übersichtlichkeit der französischen Spielanlage und die in Deutschland gebräuchlichen Spielhilfen vereinen (Schweitzer 1906). Viele seine Orgel-Vorstellungen wurden im französischen und im deutschen Raum realisiert.

Neben der Orgel beschäftigte er sich mit dem Geigenbau, genauer mit dem Geigenbogen. Er entwickelte mit dem Geiger Rolph Schröder den sog. konvexen Bogen mit einer Hebelapparatur. Heute wird dieser Bogen als Rundbogen bezeichnet. Als Bach-Interpret propagierte Schweitzer für die freien Orgelwerke Bachs eine einheitliche, behutsam terrassendynamisch gestaffelte Registrierung. In Lambaréné spielte Schweitzer nach der Arbeit im Hospital auf einem extra für ihn gebauten, tropenfesten Klavier mit Orgelpedal.

Eine besondere Würdigung verdient Albert Schweitzers politische Wirkung. Zunächst versuchte er, sich möglichst wenig in politische Auseinandersetzungen hineinziehen zu lassen. Dies änderte sich mit seinem Engagement gegen die atomare Aufrüstung auf beiden Seiten. Am 14. April 1954 schrieb er einen Leserbrief an den Daily Herald, London: Die Folgen der Wasserstoffbomben-Explosion bilden ein höchst beängstigendes Problem… Erforderlich wäre, dass die Welt auf die Warnrufe der einzelnen Wissenschaftler hörte, die dieses furchtbare Problem verstehen. Am 4. November 1954 appellierte er in Oslo in seiner Rede „Das Problem des Friedens“ erneut an die Welt und unterstrich die Gefahr der Atomrüstung.

Schweitzer wurde von mehreren Freunden – u. a. Albert Einstein, Otto Hahn, C. F. von Weizsäcker und Werner Heisenberg – gedrängt, seine Person und Autorität gegen die Atomrüstung einzusetzen. In einer „Lehrstunde“ hatte er sich mit den wissenschaftlichen Grundlagen der Atomphysik und den Folgen von Atomwaffentests  auseinandergesetzt. Brieflich hatte er Werner Heisenberg, Frédéric Joliot-Curie und Albert Einstein befragt. Am 23. April 1957 richtete er über Radio Oslo einen „Appell an die Menschheit.“ Dieser Appell wurde von 140 Rundfunkstationen übertragen. Albert Schweitzer rief die Staatsmänner der Weltmächte auf, durch ein internationales Übereinkommen die gefährlichen Tests einzustellen. Zur gleichen Zeit (1957) gab es in der Bundesrepublik Deutschland den „Aufstand“ der Atomforscher. Die als „Göttinger Appell“ bekannte Schrift  wurde von 18 führenden Atomwissenschaftlern der Bundesrepublik unterzeichnet. Auch die in der DDR lebenden Atomwissenschaftler haben sich gegen die atomare Aufrüstung ausgesprochen.

Am 13. Januar 1958 präsentierte der Generalsekretär der UNO Dag Hammarskjöld die Protestliste mit den Namen von 9235 namhaften Wissenschaftlern, darunter Albert Schweitzer und Linus Pauling. Am 28., 29. und 30. April 1958 folgten drei weitere Appelle: „Verzicht auf Versuchsexplosionen“, „Die Gefahr eines Atomkrieges“ und „Verhandlungen auf höchster Ebene“, die vom Präsidenten des norwegischen Nobelpreiskomitees Gunnar Jahn verlesen wurden. Bei der US-Administration geriet Albert Schweitzer auf Grund seiner mutigen Haltung unter Verdacht, sowjetische bzw. kommunistische Propaganda zu verbreiten; er wurde „persona non grata“. Die USA versuchten mit allen Mitteln, ihn zu diskreditieren. Schweitzer hatte in seiner Argumentation gegen Atomwaffen und Testexplosionen zahlreiche Verbündete wie Martin Niemöller. Das Moskauer Abkommen zwischen J. F. Kennedy und Nikita Chruschtschow (1963) ist auch ihm zu verdanken.

Als im Jahr 1963 „50 Jahre Lambaréné“ gefeiert wurden, war Albert Schweitzer ungewollt zu einem Mythos geworden. Auf die Frage des 31-jährigen Harald Steffahn, der Schweitzer in Lambaréné besuchte, ob er es je bereut habe, nach Afrika gegangen zu sein, antwortete der damals 86-Jährige: „Niemals, denn dann hätte ich die Idee von der Ehrfurcht vor dem Leben nicht finden können.“

Schweitzer hatte das Krankenhaus in Lambaréné fast alleine durch Vorlesungen, Bücher und Orgelkonzerte finanziert. Viele haben ihn, den „Urwalddoktor“, besucht. Die Kranken kamen mit Ihren Familien, wie es in Afrika üblich ist. Er hat von den Angehörigen etwas Hilfe bei der täglichen Arbeit als Gegenleistung erbeten. Anfänglich hat er seine Mitarbeiter unter begeisterten Freiwilligen aus Europa ausgewählt, die Einheimischen mussten dazu „erzogen“ werden.

Frau Erika Taap aus der Schweiz, die 1960 nach Lambaréné kam, schrieb in ihrem Tagebuch: „Wenn mancher der Meinung ist, das Hospital sei heute zu primitiv, so muss man bedenken, wo es steht und wer da hineinkommt.“ – Die Kranken wurden nach den neuesten Methoden behandelt. Schweitzer wollte das alte Afrika nicht konservieren, nur eine vernünftige Hilfestellung geben beim großen Sprung in die Freiheit (es war das Ende der Kolonialzeit!). Ja, er nahm sich das Recht, ihnen Vorschriften zu machen und sie anzuleiten – aber nur aus dem Selbstverständnis seines Lebensauftrages, der auf Hilfestellung beruhte. Kennzeichend dafür ist seine Ansprache an die Einheimischen an seinem 90. Geburtstag: „… dass ich zu Euch gehöre bis zu meinem letzten Atemzug“.

Auch in jüngerer Zeit wird seine Person und Tätigkeit kritisiert, ohne die damaligen Verhältnisse in Afrika zu bedenken. Der Theologe Nils Ole Oermann (Jahrgang 1973) nannte Schweitzer einen Meister der Selbstinszenierung, ohne jedoch dessen große Leistungen in Frage zu stellen. Der Theologe Sebastian Moll (Jahrgang 1980) wählte diese Beschreibung sogar als Buchtitel. Man kann darüber streiten, ob der Gedanke „Ehrfurcht vor dem Leben“ 1912 oder 1915 entstanden ist, aber der Vorwurf, dass der finanzielle Aspekt bei Albert Schweitzer „von entscheidender Wichtigkeit war“, entbehrt jeder Grundlage.

Schweitzer war Pfarrer, Theologe, Philosoph, Arzt, Krankenhausgründer, Organist, Orgelbauer, Bach-Interpret und Friedenskämpfer in einer Person. Die Kritiker mögen dies zur Kenntnis nehmen und Vergleichbares leisten. Schon zu Lebzeiten Schweitzers wurden mehr als 600 Arbeiten über ihn geschrieben. In der ganzen Welt finden sich zahlreiche Institutionen, die seinen Namen tragen.

Der Abschied Albert Schweitzers von Europa und sein Engagement in Afrika haben den Grundstein zum späteren Mythos gelegt. Es war der Schritt, mit dem die Einheit von Lehre und Leben demonstrativ bezeugt wurde. Albert Schweitzer hat versucht, den Namen Lambaréné zu deuten: In Galoa heißt das Wort Lambareni „Wir wollen versuchen“. Er hat es versucht!

Albert Schweitzer gehört zu den Universalgenies der Menschheit und er bleibt für weitere Generationen ein großes Vorbild. „Das Beispiel ist nicht das wichtigste, es ist das einzige Mittel, um andere zu beeinflussen. Wenn wir einen Menschen sehen, der ehrlich bemüht ist, seinen Mitmenschen zu helfen, dann schöpfen wir Hoffnung.“ Lasst uns nachmachen, was Albert Schweitzer vorgezeigt hat!

Literatur:

1. Bähr, Hans-Walter (2008): Die Entstehung der Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben und ihre Bedeutung für unsere Kultur: Albert Schweitzer: Ehrfurcht vor dem Leben: Grundtexte aus fünf Jahrzehnten. C.H. Beck. München S 13-31.

2. Götting, Gerald und Günther, S-H (2005): Was heißt Ehrfurcht vor dem Leben? Begegnung mit Albert  Schweitzer. Berlin 2005

3. Jacobi, Claus (1960): Schweitzers Uhr geht anders. In: Der Spiegel Nr. 52 (Weihnachtsausgabe) 21.12. 1960 2 62-67.

4. Jungk, Robert (1982): Der Menschenfreund gegen die Atomversuche, in: Pierhal Jean (Pseudonym von Robert Jungk): Albert Schweitzer. Frankfurt a.M. S 252-260

5. Moll, Sebastian (2014): Albert Schweitzer. Meister der Selbstinszenierung. Berlin University Press

ISBN 978-3-86280-072-8

6. Oermann, Ole Nils (2010): Albert Schweitzer 1875-1965. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck München (In memoriam  Rhena  Schweitzer-Miller 1919-2009) ISBN 978 3406 644399

7. Poteau, Sonja, Mougin, D, Wyss C (2008) : Albert Schweitzer. Von Günsbach nach Lambaréné, Günsbach 2008

8. Schnyder, Max  Ehrfurcht vor dem Leben- Die Ethik nach Albert Schweitzer, initiative-vernunft-007-Albert-Schweitzer  (mmschnyder@bluewin.ch,zeitethik.ch)

9. Schorlemmer, Friedrich unter Mitarbeit von Marcus Havel (2009): Genie der Menschlichkeit. Albert Schweitzer. Aufbau Verlag Berlin.

10. Schweitzer, Albert (1904) Jean, Sébastien Bach. Costallat, Paris.

11. Schweitzer, Albert (1904) Johann Sebastian Bach. Leipzig, Breitkopf§ Härtel

12. Schweitzer, Albert (1924) Zwischen Wasser und Uhrwald. Erlebnisse und Beobachtungen eines Arztes im Urwalde Äquatorialafrikas 113-116. Tausend In Ganzleinen

13. Schweitzer, Albert (1924, die erste Ausgabe) Aus meiner Kindheit und Jugendzeit C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung München.

14. Schweitzer, Albert (1937) Aus meinem Leben und Denken. Leipzig, Felix Meiner 36-40. Tausend.

15. Schweitzer, Albert (1937) Afrikanische Geschichten. Leipzig, Felix Meiner. 15. Tausend

16. Schweitzer, Albert (1955) Briefe aus Lambaréné 1924-1927. Verlag C.H. Beck München 1955

17. Schweitzer, Albert (2008): Zwischen Wasser und Urwald. München. C.H. Beck

18. Schweitzer, Albert (2007): Kulturphilosophie. Band I: Verfall und Wiederaufbau der Kultur, Band II: Kultur und Ethik. München. C.H. Beck

19. Steffahn, Harald (1979): Albert Schweitzer. Reinbek: Rowohlt.

20. Steffahn, Harald (1996): Albert Schweitzer. 12. Auflage. Hamburg

21. Taap, Erika (1964): Lambarener Tagebuch  Evangelischer Verlag GmbH. Berlin

22. Woytt, Gustav (1989): „Albert Schweitzer und die Pariser Mission“ in: Richard Brüllmann (Hrsg), Albert-Schweitzer-Studien, Bern: Verlag  Paul Haupt. S 114-221.