Művelődés-, Tudomány- és Orvostörténeti Folyóirat
2016/12           ISSN: 2062-2597
Cím: Das tragische Leben der deutschen Chemikerin und Pazifistin Clara Immerwahr (187o-1915) im Spannungsfeld von Wissenschaft und Giftgaskrieg

Title: The tragic life of Clara Immerwahr –a german chemist and pacifist (1870-1915) in area of conflict between science and poison gas world.
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Szerző(k): Prof. Dr. med. Josef Makovitzky - Abt. für Neuropathologie der Universität Heidelberg/Inst. für Rechtsmedizin der Universität Frei
Rovat: A modern orvostudomány története napjainkig
Kötet: 2015/11
DOI: 10.17107/KH.2015.11.80-84
Kulcsszavak:
Clara Immerwahr, Fritz Haber, Albert Schweitzer, Martin Buber, Ammoniaksynthese, erster Weltkrieg, Giftgas, Ypern
Keywords:
Clara Immerwahr, Fritz Haber, Albert Schweitzer, Martin Buber, ammonia synthesis, first world war, poison gas, Ypern
Abstract:

Clara Immerwahr, the first female PhD chemist in Germany, tried to emancipate herself both in science and in her marriage to Fritz Haber. She never gave up her independent mind. Her suicide was the ultimate protest against the use of poison gas in battlefield. Her name was chosen for two highly acknowledged moral courage prices.

Clara Immerwahr, die erste promovierte Chemikerin in Deutschland, versuchte sich sowohl in der Wissenschaft als auch in der Ehe an der Seite Ihres Mannes Fritz Haber zu emanzipieren. Sie hat ihre eigenen Vorstellungen nie aufgegeben. Mit Ihrem Freitod protestierte sie gegen die Verwendung von giftigen Gasen auf dem Schlachtfeld. Ihr Name ist in zwei hochrangigen Preisen für Civilcourage verewigt.


Sie wurde nahe Breslau in einem kleinen Dorf, in Polkendorf, geboren. Als junges Mädchen hat sie unter Aufsicht im chemischen Labor ihrer Vaters experimentiert. Sie wollte unbedingt Chemikerin werden.

Ihr Bruder konnte das Gymnasium absolvieren, sie durfte nur die höhere Mädchenschule besuchen. Dort wurden die Mädchen – neben dem Unterricht in Musik und Kunst – für die Haushaltsführung und auf die Mutterrolle vorbereitet.

Ab 1895 durfte sie mit einer Sondergenehmigung, als Gasthörerin für Chemie, Fachgebiet Physikochemie, die Universität Breslau besuchen. Sie wurde aber an der Universität als Sonderfall behandelt und diese Tatsache von den (männlichen) Studenten und Professoren bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck gebracht.

Noch vor ihrem Studium hat sie den später berühmten Chemiker Fritz Haber während einer Tanzstunde kennen gelernt, der sich in Clara verliebte. Zu diesem Zeitpunkt wollte sie ihn aber noch nicht heiraten, wollte unabhängig bleiben.

Clara Immerwahr hat das Studium mit Auszeichnung absolviert, alle Hindernisse beseitigt  und 1900 als erste Frau in Deutschland ihre chemische Doktorarbeit „Beiträge zur Löslichkeitsbestimmung schwerlöslicher Salze des Quecksilbers, Kupfers, Bleis, Cadmiums und Zinks“ mit magna cum laude verteidigt.

1901 hat sie Fritz Haber erneut getroffen und sich mit ihm verlobt. Clara dachte wohl, dass sie an der Seite Ihres Mannes noch Wissenschaftlerin bleiben konnte. Fritz Haber war zu dieser Zeit an der Technischen Hochschule in Karlsruhe  außerordentlicher Professor.

Am Anfang ihrer Ehe ging ihr Wunsch in Erfüllung: Unterricht und Forschung verbinden zu können. Langsam degradierte Fritz Haber sie aber zu seiner persönlichen Hilfskraft. So übernahm sie die Korrektur der wissenschaftlichen Arbeiten ihres Mannes und hat die durchaus komplizierten Übersetzungen stets zufriedenstellend erledigt.

Nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Herrmann 1902 dachte Fritz Haber nur an seinen Sohn und nicht mehr an die Karriere seiner Frau. Er verbot ihr weitere Arbeiten im Labor. Clara Immerwahr versuchte alles, um aus der Welt der Kindererziehung und des Haushaltes auszubrechen, Fritz Haber hinderte sie daran und düpierte sie mehrmals in der Öffentlichkeit. Sie fühlte sich zunehmend in der Ehe allein gelassen und von Ihrem Mann entfremdet. Engagement in Arbeiterbildungsvereinen und Klinikaufenthalte konnten sie nicht zufrieden stellen und depressive Reaktionen auffangen.

Zusammen mit seinen Mitarbeitern und gefördert durch die BASF (Badische Anilin-& Soda-Fabrik, Ludwigshafen) entwickelte Fritz Haber die Ammoniaksynthese aus Luftstickstoff. Zur Herstellung von Sprengstoffen und Kunstdüngern war ein preiswerter technischer Zugang gefunden. Durch diesen Erfolg wurde er 1910 Institutsdirektor des physikalisch-chemischen und elektrochemischen Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin.

Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, kam der Ammoniaksynthese eine zentrale Bedeutung zu. Durch die Seeblockade der Alliierten war Deutschland der Zugang zu Salpeter aus Chile (Grundstoff für Sprengstoffe und Kunstdünger) versperrt. Daraufhin wird Fritz Haber vom Kriegs-Rohstoffminister Walter Rathenau zum Chef der Zentralstelle Chemie ernannt. Zitat: „Der Bedarf an Munition und Kunstdünger (Ammoniak- und Salpeterproduktion) kann nur durch eiligen Bau einer Anzahl von Ammoniak-Fabriken gedeckt werden“.

Etwa zeitgleich (Oktober 1914) hatten in Deutschland 93 Wissenschaftler einen Appel „An die Kulturwelt“ unterschrieben. Neben Fritz Haber bestätigen Paul Ehrlich, Emil Fischer, Ernst Haeckel, Max Planck, Konrad Röntgen und Richard Willstätter auf Verlangen, dass es nur dem deutschen Militarismus zu verdanken sei, dass die deutsche Kultur noch nicht von der Erde gefegt ist. Sie betonen: wir werden diesen Kampf zu Ende kämpfen, als ein Kulturvolk. Der „Hurrapatriotismus“ hatte auch die Universitäten erreicht. Zu dieser Zeit leisteten neben 66 Professoren schon zahlreiche Studenten Militärdienst.

Fritz Haber forschte im Ersten Weltkrieg an Giftgas mit dem Ziel, es als Waffe zu benutzen. Er begründete seine Teilnahme wie folgt: „Die erreichten wissenschaftlichen Ergebnissen sollen in Friedenszeiten den Menschen, in Kriegszeiten dem Vaterland dienen. Wir müssen diesen scheußlichen Krieg mit allen Mitteln so schnell wie möglich beenden“.

Clara Immerwahr (1870-1915)

Quelle: Wikipedia.

Clara Immerwahr wurde Pazifistin und stand den Experimenten ihres Mannes sehr kritisch gegenüber. Sie hat alles versucht, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Sie wollte die Mitglieder der von Fritz Haber geführten „Spezialtruppe“ über das barbarische Ergebnis aufklären und ihr Gewissen wecken. Sie richtete im Vorderhaus des Institutes ihres Mannes einen provisorischen Kindergarten für 80 Kinder ein, deren Väter an der Front waren.

Die Ehe und die Kommunikation zwischen den Ehepartnern hatte sich sehr verschlechtert. Fritz Haber bezichtigte seine Frau des Vaterlandsverrats. Er hielt sich mit Informationen gegenüber Clara Immerwahr zurück, lässt nur durchblicken, dass er sich mit militärischen Gas-Versuchen beschäftigt.

Im August 1914 kam es zum Einsatz von chemischen Kampfstoffen durch die Franzosen gegen die Deutschen mit Xylylbromid (Tränengas), gefolgt von o-Dianisidinchlorsulfonat (Reizgas) durch die Deutschen im Oktober 2014. Dann im März 1915 durch Frankreich mit Bromessigsäureethylester (Tränengas). Bei Ypern am 15. April 1915 brachen die Deutschen das Giftgas-Tabu. General Berthold von Deimling ließ am 22. April 1915 entgegen dem Rat aller seiner Regimentskommandeure Chlorgas (Reizgas, Giftgas) in großem Stil einsetzen. 150 Tonnen aus 6.000 Flaschen wurden nach dem Haberschen Prinzip als Nebelwolke „abgeblasen“. Ihr fielen tausende französische Kolonialsoldaten zum Opfer: 1200  Tote und 3000 Verwundete. Eingeatmetes Chlorgas führte zu einem lebensbedrohlichen Lungenödem. Die veröffentlichten Bilder über die geblendeten Soldaten wirken auch heute noch erschreckend.

Clara hat nach der Gasoffensive der deutschen Truppen mehrere Protestveranstaltungen organisiert und  festgestellt, dass Sie gegen diesen Krieg  nicht mehr wirken kann.

Im Hause Haber entwickelte sich in 11 Tagen später ein Ehedrama. Clara erschoss sich am 2. Mai 1915 mit der Dienstpistole ihres Mannes. Diese Tat wurde in der Grunewald-Zeitung vom 8. Mai nur kurz erwähnt. Fritz Haber wurde zum Hauptmann befördert und zur Ostfront kommandiert, nach Galizien, um dort weitere Giftgaseinsätze vorzubereiten.

 Frankreich setzte am 22. Februar  1916  bei  Neueve-Chapelle Phosgen in Reinform (Giftgas mit Wirkung auf die Lunge) ein.

Bei der Offensive im Raum Flitsch-Tolmein (in der Geschichte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie als zwölfte Schlacht bei Isonzo bekannt) wurde der Angriff am 24. Oktober 1917 durch „Buntschiessen“ von Gasbatterien vorbereitet (Buntschiessen: gleichzeitige Anwendung mehrerer Kampstoff-Arten, wobei die stark reizend wirkenden Kampfstoffe in Aerosol- oder Pulverform die Filter der Gasmasken unwirksam machten). Die italienischen Soldaten wurden überrascht, sie verfügten nur über ungenügende oder gar keine Schutzkleidung. Qualvoll starben 5000 Soldaten.

Fritz Haber war auch einer der Entwickler von Zyklon B, mit diesem Stoff wurden in Nazi-KZs Millionen in den Tod geschickt.

Insgesamt starben durch die Gasangriffe im ersten Weltkrieg 100 000 Menschen und 1,2 Millionen Verwundete waren zu beklagen.

Fritz Haber stand auf der alliierten Kriegsverbrecherliste und hat für seine Arbeiten zur Ammoniaksynthese 1919 den Nobelpreis für Chemie bekommen. Allerdings hat Ernst Rutherford, der englischer Nobelpreisträger, ihm 1920 bei der Preisverleihung in Stockholm nicht  die Hand gereicht.

Der Philanthrop (Philosoph, Theologe, Arzt) Albert Schweitzer, formulierte 1915 seinen Satz „Ehrfurcht vor dem Leben“. Der Philosoph Martin Buber ging noch weiter: „Die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut“. Es ist möglich, anders zu entscheiden und umzukehren, wenn sich die Stimme des Gewissen regt.

Clara Immerwahr wollte mit ihrem Selbstmord die Weltöffentlichkeit über die verheerenden Folgen der Giftgase alarmieren. Heute finden sich in mehreren Städten in Europa nach ihr benannte   Straßen und Plätze.

Der mit 15 000 Euro dotierte Clara Immerwahr Preis der TU  Berlin ehrt seit 2012 junge Nachwuchsforscherinnen im Bereich der Katalyseforschung. In unregelmäßigen Abständen verleiht der Verein „ Internationale Ärzte gegen Atomkrieg, Ärzte in Sozialer Verantwortung (IPPNW) den Clara Immerwahr-Award für Zivilcourage.

Literatur:

1.Buber Martin: Ich und Du. Reclam, Stuttgart 2008

2.Friedrich Sabine: Immerwahr. Roman über Clara Immerwahr, dtv 2007, ISBN 3-423-24610-3

3.Haber Fritz: Wikipedia

4.Haber Fritz und Immerwahr Clara : Zeit online 1-5 (Die Zeit Nr  08/201418 Juni 2014), http://dx.doi.org/10.1002/ciuz.200900491 

5.Immerwahr Clara:  Award (http://www.unicat.tu-berlin.de/index. php

6.Immerwahr  Clara:  Award für Zivilcourage (http://ippnw.de/soziale-verantwortung/clara-immerwahr-auszeichnung.

7. von Leitner Gerit: Der Fall Clara Immerwahr, Leben für eine humane Wissenschaft. C.H. Beck, München 1993, ISBN 3-406-37114-0.

8.Schweitzer Albert: Die Ehrfurcht vor dem Leben- Grundtexte aus fünf Jahrzehnten. C.H. Beck München 1991 (6. Auflage)

9.Schweitzer Albert: Ehrfurcht vor den Tieren.-Ein Lesebuch. C.H. Beck München 2006 (1.Auflage)

10.WDR 3 Feature: Femina  Doctissima  Clara Immerwahr

 (http://www..wdr3.de/hoerspielundfeature/immerwahr 102 html)

11.Ullrich Volker: Die Zerstörung einer Frau :Zeit online 1-2 (Die Zeit 4.6. 1993 Nr .23)

12.Wikipedia : Berthold Deimling

13.Wikipedia de.wikipedia.org/wiki/Clara_Immerwahr 

14. Wikipedia : Chemische Waffe